von Andrea Pach
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13. September 2022
Erschienen in der Festschrift des Diözesankonservatoriums Wien Warum mich Orgelspielen fasziniert? Ich war begeisterte Pianistin, als ich begann Orgel zu studieren und war erstaunt über dieses Instrument, denn „da war auf einmal so viel mehr.“ Nicht aufgrund der Macht der Klänge, nicht wegen des enormen Tonumfangs im Vergleich zum Klavier oder wegen der Komplexität der Werke. Selbstverständlich hat mich auch das alles an der Orgel fasziniert, aber da war noch ein ganz besonderer Aspekt: Ich hatte plötzlich das Gefühl, durch dieses Instrument beim Spielen in mir quasi „ganz zu werden“. Es faszinierte mich das Körpergefühl beim Spielen, eine Vollendung in der Harmonie der Bewegungsabläufe unter der Beteiligung des gesamten Körpers und dadurch besonders, dem heutigen Zeitgeist entsprechend, das Zusammenwirken von Körper, Geist und Seele. So ist für mich die Orgel nicht nur das „ganzheitliche Instrument“, sondern auch ein Instrument, das durch seine Komplexität interessante Themen der heutigen Forschung anspricht: Neurologische Forschungsergebnisse zum Thema Neuroplastizität haben aufgezeigt, dass Instrumentalisten nicht nur ein größeres Kleinhirn, das sich an der Bewegungskoordination beteiligt haben, sondern auch vergrößerte Areale in der Großhirnrinde. Speziell die Felder für die Kontrolle der Arm- und Fingerbewegungen sind ausgedehnter. Allerdings muss man hier unter den Instrumenten unterscheiden. Spannend ist, dass man von „Musiker-Gehirnen“ sprechen kann. Jedes Instrument produziert sein eigenes neuroplastisches Gehirn. Die beteiligten Universitäten berichten, dass alleine 20 Min. Klavierspielen pro Tag ein bereits deutlich sichtbares neuronales Wachstum bewirkt und bei Pianisten und Pianistinnen nicht nur die Arm-Areale, sondern auch die Motor-Areale der Finger der beiden Hände auffällig ausgebildet sind. Bei einem Geiger oder Geigerin dagegen sind das Arm- und Motor-Areal rechts ausgebildet und links nur das Arm-Areal. Bei Tänzern ist die Repräsentation der Beine und der Zehen deutlich ausgebildet. Wie sieht dann wohl das Gehirn eines Organisten oder einer Organistin aus? Als begeisterte Sängerin fasziniert mich auch die Verwandtschaft der Orgel zum Gesang. Sie werden sich jetzt fragen, worin hier eine Vergleichsbasis besteht? Wieder im ganzheitlichen Körpergefühl. Überlegen Sie bitte: Ein Organist oder Organistin braucht, um mit den Beinen frei über den Pedalen schweben und gleichzeitig mit den Fingern über die Tasten mehrerer Manuale flitzen zu können, eine innere Balance mit aufrechter Wirbelsäule und ebenso gefestigter Stütze, wie ein Sänger oder eine Sängerin. Eine dazu gezielt eingesetzte Atmung, entsprechend dem Spannungsverlauf der Musik, wäre vom Vorteil. So – in der Gesamtheit betrachtet – ist die Orgel nicht nur die Königin der Instrumente, sondern sehr viel mehr! Vielleicht gerade als Instrument mit dem größten Tonumfang und auch in ihrer Funktion als Orchestersatz ist die Orgel die Repräsentantin der Musik schlechthin. Jener Musik, die mit all ihren Frequenzen den Menschen zurückführt zu seiner ursprünglichen gottgegebenen Ganzheit, zur Genesung an Körper, Geist und Seele – eingebettet in tiefe Spiritualität. Was für ein wunderbares, wahrhaft göttliches – und dennoch oft verkanntes – Instrument.